Der Redaktionsprozess von morgen Alles bleibt gleich? - Pah!

In seiner Blogparade fragt der iiBlog, wie intelligente Informationen unsere Zukunft prägen werden. Das ist eine interessante Frage. Natürlich noch interessanter sind die Blog-Beiträge die darauf antworten.

Mich hat folgendes überrascht: Die meisten Beiträge setzen sich gar nicht mit der Technischen Dokumentation und dem Redakteur auseinander  sondern bestenfalls mit der Verwendung der vom Redakteur erstellten Information.

Eine der wenigen Ausnahmen ist der Beitrag des iiBlogs selbst. Dort lese ich “Nicht Berufe, sondern Tätigkeiten werden automatisiert”, “dass es bei der Technologie nicht um das Ersetzen menschlicher Arbeit ginge” und “Technische Redakteure werden trotzdem nicht arbeitslos”. Das ist sicherlich alles richtig.

Was mich stört ist der Tenor: Der Redakteursberuf ist sicher! Die Technische Dokumentation wird immer gebraucht! Nur Redakteursgehirne können komplexe Situationen beschreiben!


Pah!


Ich muss sagen … gewissermaßen … ich stimme da nicht so ganz und völlig überein… oder mit anderen Worten: Pah!

Ich erkläre das mal am Beispiel von Werkstattinformationen.

Werkstattinformationen

Werkstattinformationen sind schnell erklärt. Egal ob es sich um Reparatur, Wartung oder sonst was handelt. Es ist immer das gleiche Prinzip:

  • Zuerst wird in 17 Schritten das Produkt zerlegt.
  • Dann wird das fragliche Teil repariert, geschmiert, gereinigt oder ausgewechselt.
  • Zum Schluss wird in 17 Schritten das Produkt wieder zusammengebaut. Die Reihenfolge der Schritte kehrt sich dabei natürlich um.

Unterwegs wird alle paar Schritte ein Bild gezeigt, es werden vereinzelt Warnhinweise gegeben und  beim Zusammenbau noch ein paar Drehmomente angegeben.

Der heutige Erstellungsprozess für Werkstattinformationen

In vielen Firmen wird Werkstattinformation heute mehr oder weniger folgendermaßen erstellt:

  1. Die Konstruktion erstellt CAD-Daten. Das machen die schon immer so.
  2. Aus den CAD-Daten wird eine Nullserie / ein Prototyp gebaut.
  3. Sobald die Nullserie da ist, ist stürmen die Redakteure los, schauen sich alles an, überlegen, wie das zu reparieren, schmieren, reinigen und auswechseln  ist und schreiben ihre Texte.
  4. Die Texte gehen an die Technischen Zeichner, die auf Basis der CAD-Daten schöne Bildchen erstellen. Ist der Redakteur unzufrieden, gibt es Diskussionen und Korrekturzyklen zwischen Redakteur und Zeichner.
  5. Jetzt kommt der Korrektur-Prozess für die gesamte Anleitung. Wenn Sie Glück haben, geht der in der Redaktionssprache. Andernfalls spricht Ihr Korrektor nur Englisch dann müssen Sie zuerst noch übersetzen.
  6. Wenn dann endlich alle zufrieden sind, geht das ganze in die Übersetzung. Natürlich auch nochmal ggf. mit eigenem Korrektur-Prozess.
Der Redaktionsprozess heute

Gefällt Ihnen das? Finden Sie das gut so? Glauben Sie wirklich, da lässt sich nichts optimieren?

Das Warten auf die Nullserie?

Was zuallererst mal stört, ist, dass die Nullserie abgewartet wird. Der Redakteur sagt: “Nur wenn ich das ausprobieren kann, kann ich auch gewährleisten, dass es so ist”.

Ja, das stimmte in der Vergangenheit und vielleicht auch gerade noch heute. Mit digitaler Durchgängigkeit, Virtual Reality und 3D-Modellen wird das aber natürlich anders.

Der Text gibt den Ton an?

Was ich ehrlich gesagt noch nie so ganz verstanden habe ist folgendes: Warum muss ausgerechnet die Person, die gut verständlichen Text schreiben kann, über die Reihenfolge, die Gefährlichkeit, die Zeitdauer und die nötigen Hilfsmittel für die einzelnen Arbeitsschritte bestimmen? Hat das eigentlich irgendwas miteinander zu tun? Oder anders: Warum gibt eigentlich der Text den Ton an und nicht das Bild?


Heute ist das nicht mehr besonders effizient.


Ich persönlich glaube, das ist purer Zufall. Bzw. die Ursache liegt darin, dass Text historisch leichter zu publizieren war als Bilder. Heute ist das nicht mehr besonders effizient. Im Gegenteil glaube ich, dass in Zukunft das Bild führt. Der Text ist nur noch ein Beiwerk und kann genau so gut generiert werden.

Und wenn wir schon dabei sind: Die Übersetzungen werden gleich mit-generiert. Glauben Sie nicht? Dann waren Sie auf der letzten Tekom nicht im Vortrag von AX-Semantics. Die generieren Texte in 108 Sprachen. Und woher bitte fragen Sie? Na aus den Metadaten im CAD.

CAD-System und Redaktionssystem wachsen zusammen

Ja wo führt uns das denn bitte hin!? Ich denke das liegt auf der Hand: CAD-System und Redaktionssystem werden zusammenwachsen. Müssen. Der Redakteur definiert Aus- und Einbau im CAD,  per Knopfdruck werden daraus 3D-Daten für VR, AR, und gleich auch die Bilder und der Text in allen Fremdsprachen generiert. Das geht natürlich nur, wenn auch direkt im CAD schon Warnhinweise und Drehmomente erfasst werden können. Das sieht dann in etwa so aus:

Redaktionsprozess morgen

“Sie spinnen ja”, rufen Sie jetzt. “Jetzt reichts! Hören Sie sofort auf!”. – Nein, das mache ich nicht. Denn jetzt erst wirds erst so richtig lustig. Denn jetzt kommt die KI.

Die KI kommt

Haben Sie bemerkt, dass es im Szenario oben noch einen Redakteur gibt? Ist das nicht prima? Der ist nämlich für folgende Tätigkeiten verantwortlich: Er muss

  • die Arbeitsschritte richtig sortieren,
  • das CAD-Modell so positionieren, dass jeder Arbeitsschritt im Modell gut sichtbar ist,
  • und natürlich Warnhinweise und Drehmomente hinzufügen.

Ich frage Sie jetzt: Glauben Sie wirklich, dass diese Tätigkeiten so komplex sind, dass sie nicht durch eine KI (künstliche Intelligenz) geleistet werden können?  Und bevor Sie antworten, denken Sie bitte einmal ganz kurz daran, was wir alle vor 20 Jahren über die maschinelle Übersetzung gedacht haben und dass es heute Leute gibt, die autonom gesteuerte Helikopter-Taxis planen.


Die Massenverarbeitung wird automatisiert werden.


Natürlich, natürlich! Es wird immer Szenarien geben, die sich nicht völlig automatisieren lassen. Und eine Qualitätskontrolle brauchen Sie ja auch noch. Langfristig wird das aber wie in der Übersetzung sein. Die Massenverarbeitung wird automatisiert werden oder zumindest massiv durch Automation unterstützt.

Warum eigentlich?

Und warum ist das eigentlich so? Will hier jemand die Technischen Redakteure ärgern oder sind die Redakteure vielleicht  einfach zu teuer? Wenn Sie mich fragen – beides mal: Nein.


Der Treiber für diese Entwicklung wird die Durchlaufzeit sein.


Der Treiber für diese Entwicklung wird die Durchlaufzeit sein. Stellen Sie sich mal vor, dass per Knopfdruck aus einem CAD-Modell eine Reparaturanleitung generiert werden kann! Keine Warterei auf die Nullserie mehr, keine länglichen Abstimmungsrunden zwischen Redakteur und Zeichner mehr, und dann fällt auch noch die lähmende Übersetzungsphase weg! Und wenn die Damen und Herren Produktmanager dann noch begreifen, dass das ganze auch noch ohne Mehraufwand maschinenspezifisch bzw. fahrgestellnummernspezifisch produziert wird, dann wird es kein Halten mehr geben.

Und jetzt?

So und was machen wir jetzt daraus? Zugegeben das liegt alles noch in der Zukunft. Oben habe ich aus dem iiBlog-Beitrag zitiert: “Technische Redakteure werden trotzdem nicht arbeitslos”. Da stimme ich heute voll und ganz zu. Würde ich meinem Sohn empfehlen Technischer Redakteur zu werden? Wohl nicht. Schon eher KI-Entwickler.

Ein Gedanke zu „Der Redaktionsprozess von morgen Alles bleibt gleich? - Pah!

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